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Glücklicher und gelassener durch Dankbarkeit

Tugenden wie Dankbarkeit sind «out». Dabei ist Dankbarkeit eine der besten Techniken für innere Balance und Harmonie, wie die moderne Dankbarkeitsforschung zeigt. Und sie ist noch mehr: Nämlich ein hervorragender Stresspuffer und Beziehungsförderer.


Auf ihr erstes Baby hatte sich Frau Sutter mehr als gefreut. Endlich war es soweit. Dann aber sah alles plötzlich ganz anders aus. Sie kam keine Nacht mehr zur Ruhe, tagsüber wollte der Kleine ihre permanente Aufmerksamkeit und die Zeit schien ihr zwischen den Fingern zu zerrinnen. Sie spürte, wie ihre Kräfte nachliessen. Da fand sie einen wohltuenden Ausweg – Dankbarkeit. Sie war dankbar dafür, dass das Baby gesund war, dass sie für es da sein durfte, dass sie gesundheitlich in der Lage war, sich voll und ganz um ihr Baby zu kümmern und sie war, je länger je mehr, dankbar für die viele Zuneigung und Liebe, die ihr Baby ihr schenkte. Frau Sutter hatte intuitiv eine wichtige Bewältigungsstrategie entdeckt. Dankbarkeit hilft überlasteten Müttern dabei, ihre schwierige Situation besser zu bewältigen und dämpft insgesamt deren Überlastung ab. 

Dankbarkeit ist aber nicht nur für überlastete Mütter wohltuend. Wie die Dankbarkeitsforschung zeigt, ist sie eine der wichtigsten und zugleich einfachsten Strategien überhaupt, um innerlich loszulassen und schwierige Situationen zu bewältigen. Und zwar sowohl im Privat- als auch im Berufsleben. 

Wie wichtig Dankbarkeit ist, betonte schon Cicero: «Dankbarkeit ist nicht nur eine der grössten Tugenden, sondern die Mutter aller anderen.»

Dankbarkeit – der Weg aus dem Laufrad des immer-mehr-haben-Wollens
Immer noch ein wenig mehr haben wollen, sogar dann, wenn man eigentlich schon alles hat; neidisch auf andere blicken, die vermeintlich so viel mehr haben als wir selbst, oder anscheinend alles besser können; wer kennt nicht solche inneren Antreiber und Vergleiche, die uns unzufrieden und unglücklich machen. Sie tragen den Samen permanenter Unzufriedenheit in unser Leben. Denn selbst wenn wir alles hätten, gibt es immer noch vieles, was uns zu fehlen scheint. Am Schluss steht die Angst, all das wieder zu verlieren, was man bereits angehäuft hat. Nicht einmal die Grossen waren vor dem Neid- und Vergleichsvirus gefeit, wie schon der Philosoph Bertrand Russel bemerkte: «Napoleon beneidete Cäsar, Cäsar Alexander den Grossen, und Alexander vermutlich Herkules, den es nie gegeben hat.»

Dankbarkeit ist wohl das beste Gegenmittel, um aus dem Laufrad des Immer-mehr-haben-Wollens auszubrechen. Der Philosoph Epictet hat erkannt: «Derjenige ist weise, der sich nicht um das sorgt, was er nicht hat – sondern sich über das freut, was er hat.»

Eine Haltung der Bescheidenheit und Dankbarkeit macht uns innerlich zufriedener und ausgeglichener. Wir können leichter loslassen und uns zugleich für die Schönheiten des Lebens öffnen. Und das Gute ist: Dankbarkeit ist nicht einmal an Vorleistungen gebunden, die wir erst erbracht haben müssten.

Dankbarkeit, eine Haltung
Um dankbar zu werden, brauchen wir nicht zu warten, bis die Dinge perfekt sind, oder bis uns etwas ganz besonders Positives widerfährt. Im Gegenteil: Dankbarkeit ist wie eine Leitschnur für unser Leben. Sie macht uns offener für die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen, die wir aber in der Alltagshektik leicht übersehen. Das Überraschende dabei ist: Je dankbarer wir sind, desto mehr entdecken wir, worüber wir dankbar sein dürfen. Oder wie ein nigerianisches Sprichwort meint: «Sei dankbar für wenig und du wirst viel finden.» Der Schlüssel dafür liegt in unserer Hand.

Letztlich ist alles, was wir im Leben erreichen, ein Geschenk. Sei es Liebe, Wohlstand, Zufriedenheit oder was auch immer. Wenn wir aber meinen, etwas gehöre uns oder wir hätten einen rechtmässigen Anspruch darauf, so setzen wir unserem Verlangen keine Grenzen mehr. Wir verkümmern innerlich mitten im Überfluss.

Dankbarkeit und Zufriedenheit gibt uns den Freiraum, unseren Blick und unser Engagement auf die wesentlichen Dinge unseres Lebens zu richten.

Wie man lernt, dankbarer zu werden
Aber kann man überhaupt lernen, dankbarer zu werden? Darauf antworten Wissenschaftler heute mit einem klaren «Ja». In einer Studie bekamen zwei Gruppen von Versuchspersonen folgende Anweisung:

Gruppe 1: Es gibt so viele Dinge im Leben, über die man sich ärgern kann, z. B. rote Ampeln, lange Warteschlangen an der Kasse im Supermarkt, arrogante Kunden im Beruf, der Partner, der seine Schuhe nie wegräumt, und vieles mehr. Konzentrieren Sie sich zweimal pro Woche auf all die Ereignisse, über die Sie sich in den letzten Tagen ärgern mussten und notieren Sie sie bitte stichwortartig. 

Gruppe 2
: Es gibt so vieles im Leben, für das wir dankbar sein dürfen. Das müssen gar nicht besonders grosse Dinge sein, sondern beispielsweise ein freundlicher Kunde, die Blumen im Garten, eine Wanderung in den Alpen, eine entspannende Tasse Kaffee mit einer Freundin, ein neues Buch, die wöchentliche Chorprobe, dass wir ausreichend zu essen haben, dass wir Menschen haben, die uns nahe stehen, dass wir eine Arbeit haben und vieles mehr. Konzentrieren Sie sich zweimal pro Woche auf all die Ereignisse, für die Sie in den letzten Tagen dankbar sein durften und notieren Sie sie bitte stichwortartig.

Nach einigen Wochen untersuchten die Forscher das Blut ihrer Versuchspersonen auf Anzeichen für Stress und Ärger und befragten sie über ihre Stimmung. Die Teilnehmer der Dankbarkeitsgruppe

  • fühlten sich subjektiv besser als die der Ärgergruppe
  • hatten bessere Blutwerte in Bezug auf Stress und Ärger
  • und waren ausgeglichener und zufriedener, wie sogar ihre Angehörigen bemerkten.

 

Dankbarkeit ist das Wasser für alte Freundschaften und lässt neue spriessen
Beziehungen prägen uns und unser Leben. Aber so sehr wir auch die lieben, die uns nahe stehen, wissen wir doch alle, dass Konflikte und Ärger im Zusammenleben mit anderen nur schwer zu vermeiden sind. Sogar relativ belanglose Ärgeranlässe können, wenn sie sich häufen, das Fundament einer guten Beziehung untergraben.

Was tun? Wie sich andere, ob Partner oder Freunde, uns gegenüber verhalten, können wir nur begrenzt beeinflussen. Aber immer haben wir es selbst in der Hand, worauf wir unseren Blick richten. Auf das, was uns an anderen ärgert, oder auf das, für das wir dankbar sein dürfen, wie zum Beispiel, dass andere an uns denken, dass wir mit ihnen lachen dürfen, dass sie bereit sind, ein Stück ihres Lebensweges mit uns zu teilen oder einfach nur, dass sie uns zum Essen einladen.

Dankbar sein für einen Schicksalsschlag?
Als er die Limousine plötzlich vor sich auftauchen sah, wusste er, dass er keine Chance hatte. Das Letzte, an was sich Robert Schnider erinnern konnte, war der sich verformende Kofferraum, als er mit seinem Motorrad dort aufprallte. Dann fand er sich schwer verletzt im Krankenhaus wieder.

Es scheint uns auf den ersten Blick unmöglich, dass jemand für einen solchen Unfall Dankbarkeit empfinden könnte. Und doch sind im Nachhinein viele Menschen für das Unglück dankbar, das ihnen widerfuhr, wie eine zunehmende Zahl von Studien zeigt. Und wofür sollte Robert Schnider dankbar sein? Dafür, dass er überlebt hatte. Dafür, dass er das Leben jetzt aus einer ganz neuen Perspektive wahrnahm, nämlich als Geschenk und nicht als Selbstverständlichkeit. Und dafür, dass er jetzt sogar noch mehr Energie als je zuvor für seine Lebensziele mobilisieren konnte. Das Leben war für ihn wertvoller geworden. Zu kostbar, um es zu verschwenden.

Jede Erfahrung kann unser Leben bereichern, sofern wir bereit sind, uns dafür zu öffnen. Dankbarkeit ist eine Möglichkeit, eine Tragödie in einen Anlass für Wachstum und Entwicklung zu transformieren. In dem man weniger für die tragischen Umstände an und für sich dankbar ist, sondern für die daraus gewonnenen Einsichten und Fähigkeiten. Und deshalb sind dankbare Menschen flexibler, wenn es darum geht, Krisen zu überwinden und mit schwierigen Umständen fertig zu werden.

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Literatur

Eichhorn, C. (2007): Gut erholen – besser leben. Das Praxisbuch für den Alltag. Klett-Cotta.

Emmons, R., McCullough, M. (2004): The Psychology of Gratitude. New York, Oxford Press.

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