Schneller!
Die Welt der Beschleunigungshilfen scheint keine Grenzen zu kennen: Wofür der Holzherd früher seine Zeit brauchte, das erledigt ein moderner Herd in Sekunden. Das Festnetz-Telefon – ein Relikt aus alten Zeiten. Erst mit dem Handy ist man wirklich flexibel und überall erreichbar. Und natürlich wollen wir nächstens von jedem Ort aus sofort ins Internet.
Zeitsparen um jeden Preis
Nicht nur Maschinen bieten Beschleunigung: Auch Techniken aller Art helfen uns beim Zeitsparen. Während der normale Leser früher einen Krimi über mehrere Wochen hinweg genossen hat, will der Speedreader an einem Wochenende durch sein. Power-Napping soll verbrauchte Energie innert weniger Minuten zurückbringen, Zeitmanagement soll dabei helfen, Zeit zu sparen. Sogar den Partner sucht man beim so genannten Speed-Dating, bei dem die Paare alle fünf Minuten auf ein Signal hin den Gesprächspartner wechseln. Und warum lange Mittagessen, wo es doch zeit sparender im Auto geht? Warum nicht beim Telefonieren noch schnell die Mailpost bear bei ten? Die Propheten des Multitaskings verkünden auch dann ihre Botschaft munter weiter, wenn die moderne Hirnforschung sie längst widerlegt hat.
Dauernd verfügbar – dauernd bei der Arbeit
Die globale Beschleunigung und die permanente Erreichbarkeit, die die moderne Technik ermöglicht, haben ihren Preis. Arbeit findet nicht mehr nur im Büro statt, sondern überall. Egal wo wir sind. Sie entgrenzt sich, schwappt ins Wochenende und in die Ferien, in die Nächte und ins Familienleben. Selbst in den Ferien checken viele ihre Mailpost, versichern sich übers Handy, dass im Büro auch alles glatt läuft. Warum eigentlich? Die Firma verlangt es, die Technik ermöglicht es und wir selbst wollen es. Es vermittelt uns ein wertvolles Gefühl, nämlich gebraucht zu werden. Jemand zu sein. Wer aus seinem Florida-Urlaub ein beruf liches Problem in Bern löst, der muss wohl wichtig sein. Das ist unser Eigenanteil. Wir tappen gern in die «Ich-bin-unentbehrlich-Falle». Dass die Kehrseite davon nicht-mehr-abschalten-können ist, gestehen wir uns nur ungern ein.
Arbeitsverdichtung
Hand in Hand mit der technischen Revolution erleben wir eine ungeheure Arbeitsverdichtung: In immer weniger Zeit müssen wir immer mehr erledigen. Die Arbeitsrhythmen haben sich enorm beschleunigt. Selbst zur Pause müssen wir uns zwingen. Könnten wir in der «vergeudeten» Zeit nicht schnell ein Mail beant worten oder einen Kunden anrufen? Wir könnten. Das Gefühl, selbst mit konzentrierter Arbeit nie wirklich fertig zu werden, treibt uns permanent an. Und führt schnell zur Erschöpfung.
Und wir selbst?
Wo bleibt eigentlich die eingesparte Zeit? Das fragen wir uns manchmal ratlos. Nicht nur das. Ein geheimnisvoller Gegeneffekt scheint uns zum Narren halten zu wollen. Statt Zeit übrig zu haben, haben wir viel zu wenig davon. Daran sind wir nicht ganz unschuldig. Noch bevor wir Zeit eingespart haben, wissen wir, wofür wir sie gut gebrauchen können. Endlich die Englischkenntnisse aufpolieren, das Handicap beim Golf verbessern, den Garten richten, die Wäsche waschen, die Freundin anrufen, den lang ersehnten Aquarell-Kurs belegen usw. Und wenn uns doch einmal gar nichts mehr einfallen sollte, gibt es ja im Fernsehen oder im Internet so vieles zu entdecken.
Was ist wirklich wichtig?
Angesichts dieser Rahmenbedingungen ist es nicht einfach gegenzusteuern. Aber dennoch möglich. Beginnen Sie mit dem, was Ihnen wirklich wichtig ist. Was sind Ihre Ziele und Werte im Leben? Ihre Familie, gute Freunde, Gesundheit, Respekt und Achtung oder Karriere und Wohlstand? Oder mehreres davon? Es ist sinnvoll, sich immer wieder einmal Zeit zu nehmen, um über seine Werte nachzudenken. Schreiben Sie zum Beispiel alles, was Ihnen wichtig ist, auf eine Liste. Vergeben Sie dann Punkte: Null Punkte für gar nicht wichtig, zehn Punkte für sehr wichtig.
Überlegen Sie sich dann in einem zweiten Schritt, wie viel Zeit und Engagement Sie für Ihre wichtigsten Werte aufbringen möchten. Wem zum Beispiel Respekt und Achtung wichtig sind, der muss nicht viel Extra-Zeit dafür aufwenden. Sich zu überlegen, wie man diesen Wert in Familie und Beruf konkret verwirklichen kann, ist schon ein grosser Schritt in die richtige Richtung. Wenn Sie sich dann noch morgens beim Zähneputzen oder im Zug Ihr Ziel ins Gedächtnis rufen, dann bestehen schon bessere Chancen, dass es Ihnen gelingt, ein wenig davon zu verwirklichen. Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Liste an Ihrer Küchentür aufhängen. Dann bleibt das, was Ihnen wirklich wichtig ist, besser in Ihrem Blickfeld.
Aufs Wesentliche konzentrieren
Werte haben einen grossen Vorteil. Sie dienen uns als eine Art Kompass, an dem wir unser Leben ausrichten und uns aufs Wesentliche konzentrieren. Statt uns von den tausenderlei Blendungen, die das moderne Leben zu bieten hat, ablenken und verzetteln zu lassen. Das geschieht nämlich automatisch, wenn uns nicht klar ist, welche Werte für uns handlungsleitend sein sollen.
Allerdings sollten wir uns beim Streben nach unseren Werten und Zielen nicht zu viel vornehmen. Es ist schon viel erreicht, wenn wir uns ein wenig Zeit für unsere Werte nehmen und vielleicht ein wenig mehr innerlich zur Ruhe kommen. Absolute Entspannung und in dem aufgehen, was man gerade tut, sind seltene, nur kurz andauernde Momente. Dauernd entspannt im Hier und Jetzt zu sein, ist ein unrealistisches Ziel, mit dem Sie sich nur selbst unter Druck setzen. Sinnvoll ist es übrigens auch nicht. Denn mit Prüfungen aller Art will das Leben unsere Weiterentwicklung anspornen.
Auch Werte wandeln sich
Unsere Werte und Ziele ändern im Lauf des Lebens. Das ist normal und kann viele Gründe haben. Zum einen entwicklungspsychologische: Ein 23-Jähriger, der gerade ins Berufsleben eintritt, verfolgt andere Werte und Ziele als ein 65-Jähriger, der gerade seinen Ruhestand antritt.
Oder wirtschaftliche: Eine Rezession kann uns daran erinnern, dass in unserem Leben noch andere Dinge wichtig sind als Geld, Reichtum, Karriere und Macht.
Ruheinseln schaffen
Innere Balance braucht Zeit. Je mehr, umso hektischer das Leben um uns herum ist. Aber wo soll die Zeit für mehr innere Ruhe her kommen, fragen Sie sich vielleicht. «Ich hab überhaupt keine Zeit», klagen wir doch so gerne. Das ist zwar nicht immer, aber häufig, eine Ausrede. Dabei könnten wir einmal unseren Tagesplan nach unnötigen Zeitfressern durchforsten, wie zum Beispiel dem Fernseher. Wie wäre es, wenn wir den Fernseher ein oder zweimal pro Woche ganz ausliessen? Oder nur eine Sendung pro Abend auswählten, statt planlos alle Programme durchzuzappen. Das hätte sogar zwei Vorteile:
- Zum einen reduzieren wir die Dauerberieselung durch Bilder, Töne und Informationen, die uns am Zurruhekommen hindert.
- Zum anderen gewinnen wir sogar ein wenig Zeit hinzu. Zum Spazierengehen, Entspannen, einen Brief schreiben, einfach aus dem Fenster schauen und nichts tun usw. Alles Aktivitäten, die unsere Balance fördern.
Wir könnten sogar noch etwas mehr tun. Mal ein Wochenende weniger verplanen oder das Auto in der Garage lassen. Oder einmal das eigene Konsumverhalten überprüfen – was brauchen wir wirklich und worauf könnten wir verzichten.
Entschleunigung kommt an
Mittlerweile hat sich die Entschleunigungsbewegung etabliert und nimmt an Fahrt auf. Viele Menschen spüren, dass die schnelllebige Moderne ihren inneren Rhythmen nicht unbedingt entspricht. Wir besinnen uns im Kloster, suchen Ruhe beim Wandern oder beim einfachen Leben auf der Alp, oder innere Balance beim Bogenschiessen und Qi Gong. Auch die Kirchen zählen heute zu den Entschleunigern. Sie setzen sich ein für Zeit, die von den Zwängen des Arbeitens und Konsumierens frei bleibt, wie den Wert des Feierabends oder der Sonn- und der Feiertage.
Das Problem scheint allerdings nicht nur dem modernen Menschen bekannt zu sein. «Ein jegliches hat seine Zeit», weiss denn auch schon das Alte Testament.
Wie viel das ist, hängt auch von uns ab.

