• D
 

Der frühe Griff zu Zigarette und Alkohol: Tendenz zunehmend

Rauchen und übermässiger Alkoholkonsum nehmen an unseren Schulen drastisch zu, wie Zahlen aus den letzten Jahren belegen. Laut Fachleuten besteht Grund zur Besorgnis, denn die Entwicklung lässt sich nicht einfach aufhalten.

 

«Wenn ich Stress habe, dann rauche ich. Dann verschwinden die Probleme einfach. Betrunken war ich auch schon, als wir mit der Clique Bier getrunken haben.» Der 15-jährige Kevin* sieht keine Probleme: «Wenn ich wollte, könnte ich jederzeit aufhören.» Viele Jugendliche machen sich anfangs vor, sie hätten die Sucht im Griff. Erst wenn sie den Ausstieg versuchen, merken sie, dass sie bereits abhängig sind. Tamara* (15): «Ich rauche, weil ich süchtig bin, weil ich aus doofen Gründen begonnen habe und jetzt nicht mehr aufhören kann. Ich rauche zwar gerne, aber ich wäre auch bereit aufzuhören. Doch leider ist das nicht einfach.» 

Richard Müller, Direktor der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA), konstatiert: «Wir müssen feststellen, dass das Rauchen an den Schulen ganz klar zugenommen hat. Die Daten aus den letzten Jahren zeigen eine geradezu dramatische Zunahme. Beim Trinken ist die Situation ein bisschen anders. Das Durchschnittstrinken ist an und für sich konstant geblieben, was aber zugenommen hat, ist das Rauschtrinken. Jugendliche haben also eine höhere Neigung, sich zu betrinken.»

Die Mädchen holen auf
Die Zahl der regelmässig rauchenden Schulkinder ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Bei den 15-Jährigen ist der Anteil der regelmässig Rauchenden innert zwölf Jahren von knapp 15 % auf über 25 % angewachsen. Rund 18% der 15-Jährigen greifen bereits täglich zum Glimmstängel. Das ist fatal, denn wer als Jugendlicher täglich raucht, tut dies meist auch im Erwachsenalter. Im Gegensatz zum Tabakkonsum ist der Konsum von Alkohol bei den 11- bis 15-Jährigen insgesamt praktisch stabil geblieben. Dennoch ist eine deutliche Verschiebung festzustellen: Während der Konsum bei den Knaben stagniert oder gar leicht rückläufig ist, ist bei den Mädchen die Tendenz steigend. So hat sich die Zahl der wöchentlich Alkohol konsumierenden 15-jährigen Schülerinnen innert zwölf Jahren von knapp 9% auf rund 18% verdoppelt. «Die Mädchen haben in den letzten Jahren mit Rauchen drastisch aufgeholt.» Markus Mühlebach ist Realschullehrer in Kriens, wo gegen Rauchen und Alkoholkonsum mit gezielten Massnahmen vorgegangen wird: Innerhalb der erweiterten Schulzone (Eschuzo) gilt für Schülerinnen und Schüler zwischen 7 und 18 Uhr ein striktes Tabak-, Alkohol- und Drogenverbot. Wer dem zuwider handelt, muss mit Konsequenzen rechnen. Mühlebach: «Das Projekt der Eschuzo in Kriens erachte ich persönlich als sinnvoll.» Die Zahlen geben der Strategie Recht: Im Vergleich zur übrigen Schweiz scheinen die Jugendlichen in Kriens eher weniger Alkohol zu trinken. Und der Tabakkonsum ist entgegen dem nationalen Trend bei der Krienser Jugend sogar stark rückläufig.

 

Präventionslager und Experimente
In Basel wird ein anderer Weg beschritten. Dort besuchen alle Schülerinnen und Schüler im Verlauf der Orientierungsschule ein zweitägiges Präventionslager, in dem ihnen gezeigt wird, was Sucht ist. Anhand von Experimenten erfahren sie zum Beispiel, was alles an Giftstoffen in einer Zigarette drin steckt oder wie sich unter Alkoholeinfluss die Wahrnehmung verändert. Der Rektor Markus Unterfinger: «Unsere Schulhäuser einschliesslich Pausenhöfe sind rauchfrei. Wir erwarten von unseren Lehrerinnen und Lehrern, dass sie ihre Vorbildfunktion wahrnehmen und an der Schule ebenfalls nicht rauchen.»

 

Richard Müllers Forderungen zielen in eine ähnliche Richtung: «Wir müssen unsere Anstrengungen im erzieherischen Bereich verstärken. Man muss Grenzen setzen. Und dann müssen eben auch viele Eltern lernen, besser Grenzen zu setzen.» Das sieht auch Markus Mühlebach so: «Das Meiste passiert zu Hause oder es passiert eben nicht. Die Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft.»


* Namen geändert

Schnelle Sucht
Eine in der medizinischen Fachzeitschrift «Tobacco Control» veröffentlichte US-Studie hat gezeigt, dass Jugendliche im Extremfall bereits nach einer Zigarette süchtig werden können. Bislang gingen die Forscher davon aus, dass Kinder erst ab einem Konsum von etwa zehn Zigaretten täglich süchtig werden. Nun hat man entdeckt, dass Sucht wesentlich schneller entsteht und durch weit weniger Nikotin als bisher angenommen. Weil jugendliche Gehirne noch in der Entwicklung seien, könnten sie anfälliger für Abhängigkeiten sein, heisst es in der Studie. Ausserdem werden Mädchen schneller nikotinabhängig, nämlich im Durchschnitt bereits nach drei Wochen, Knaben hingegen erst nach sechs Monaten.
Adressen_FL_d