Wenn die Seele Hilfe braucht
Seit drei Jahren bietet die CONCORDIA gemeinsam mit Klenico den Mental Health Check an – denn: Wenn die Seele Hilfe braucht, ist ein erster Schritt entscheidend. Damit ermöglichen wir unseren Versicherten eine erste Einschätzung ihrer psychischen Belastung. Jasmin Steiner ist Psychologin und Clinical Expert bei Klenico und erklärt, wie der Check abläuft.
Kurz und einfach
Das ist ein Fragebogen zur psychischen Gesundheit.
Nach dem Ausfüllen spricht man mit einer Psychotherapeutin.
Wie kann man selbst erkennen, ob man schon psychisch belastet ist?
Jasmin Steiner: Die Warnzeichen für psychische Probleme können sehr vielfältig und gerade zu Beginn auch sehr diffus sein. Manche Menschen bemerken bei sich eine Veränderung in der Stimmung, andere beim Schlaf, im Sozial- oder Essverhalten oder ganz grundsätzlich in ihrem Denken.
Wann sollte man reagieren, wenn man Veränderungen dieser Art bei sich selbst erkennt?
Jasmin Steiner: Am besten dann, wenn man das Gefühl hat, alltägliche Aufgaben nicht mehr gut bewältigen zu können oder sich alles sehr anstrengend anfühlt. Dabei geht es nicht um eine schlechte Woche oder zwei; das gibt es ja hin und wieder. Wenn man sich die Veränderung nicht erklären kann oder keine hilfreichen Strategien für die Situation hat und sich diese Momente immer wieder wiederholen, sollte man sich Unterstützung suchen.
Wie weiss man nun, ob es sich um ein Stimmungstief handelt, oder um eine beginnende Depression?
Jasmin Steiner: Ein Stimmungstief hat häufig einen Auslöser, auf den sich die Niedergeschlagenheit zurückführen lässt. Gab es einen Konflikt mit einer nahestehenden Person? Ist in der Arbeit etwas passiert, das mich belastet? Bei einer Depression ist die gedrückte Stimmung ein Dauerzustand ohne bestimmten Grund. Wir sprechen von mindestens 14 Tagen in Kombination mit anderen Symptomen. Eine Depression ist kein alleinstehendes Symptom, sondern ein Symptommuster.
Ein kleiner Exkurs – denn «Gendermedizin» ist in aller Munde: Gibt es Unterschiede bei den Symptomen zwischen Frauen und Männern?
Jasmin Steiner: Ja, beispielsweise bei der Depression beobachten wir das. Während Frauen häufiger Symptome wie Traurigkeit, emotionale Erschöpfung oder Weinen berichten und sich in dieser Phase eher aktiver Hilfe suchen, äussern sich depressive Episoden bei Männern häufiger durch Reizbarkeit, erhöhte Stressempfindlichkeit oder sozialen Rückzug. Auch beim Thema Suizidalität gibt es relevante geschlechtsspezifische Unterschiede. Das führt dazu, dass Männer seltener die «passende» Diagnose bekommen.
Ist es denn dann bei Männern schwieriger, eine Depression zu erkennen? Oder wie ordnen sie die Veränderungen ein?
Jasmin Steiner: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männern diese Veränderungen ebenso wie Frauen auffallen. «Ich bin nicht mehr so wie vorher», oder auch der soziale Rückzug ist oft ein Zeichen, das Männer ernstnehmen. Es ist aber gleichzeitig Klischee und Wahrheit, dass Männer diese Probleme eher mit sich selbst ausmachen als Frauen. Zudem ist die gesellschaftliche Hürde noch sehr hoch. Die jüngere Generation ist hier offener und holt sich auch früher Unterstützung, was sich positiv auf den Verlauf auswirken kann.
Gibt es im Mental Health Check eine geschlechtsspezifische Auswertung? Oder sieht man in der Auswertung, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt?
Jasmin Steiner: Nicht unbedingt. Man kann beim Mental Health Check das Geschlecht angeben, muss es aber nicht. Wenn jedoch das Geschlecht angegeben wird, werden auch geschlechtsspezifische Symptome wie zum Beispiel das Ausbleiben der Periode oder Erektionsstörungen abgefragt.
Was unterscheidet nun den Mental Health Check von anderen Tests?
Jasmin Steiner: Der Mental Health Check basiert auf wissenschaftlichen Daten und wurde mit Studien weiter untersucht. Die Betroffenen beantworten zuerst allgemeine Fragen aus 21 Belastungsbereichen und vertiefen diese anschliessend durch eine detaillierte Abfrage der zuvor gegebenen Antworten. Die meisten anderen Online-Tests machen oft nur ein Screening oder fragen lediglich einzelne Bereiche ab. Wir fragen mehr in die Tiefe und können die Symptome sowie mögliche Zusammenhänge genauer betrachten.
Welche Bereiche werden genau abgefragt?
Jasmin Steiner: Störungsbereiche wie zum Beispiel Depression, Somatoforme Störungen, bei denen körperliche Beschwerden im Vordergrund stehen oder Essstörungen. Auch Stress- und Belastungsstörungen wie die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder akute Belastungsreaktionen können abgefragt werden. Zudem können Symptome zu ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) und Autismus erhoben werden. Wir werfen darüber hinaus einen Blick auf verschiedene Angststörungen wie beispielsweise Panikstörung. Ab einem Alter von 55 Jahren fragen wir Demenz-Marker ab, um eine mögliche «Frühdemenz» erkennen zu können. Dies ist aber nur ein Ausschnitt der Bereiche, die abgefragt werden können.
Was passiert nach dem Ausfüllen des Fragebogens?
Jasmin Steiner: Die befragte Person erhält eine erste bildliche Einordnung der angegebenen Symptome und schriftliche Informationen dazu. Anschliessend kann sie einen Videocall bei einer unserer Psychotherapeutinnen oder einem unserer Psychotherapeuten buchen. Das ist wichtig, um die Symptome einzuordnen und die nächsten Schritte zu besprechen. Ohne das gemeinsame Gespräch kann keine fachliche Einordnung der Symptomatik stattfinden. Es ist für uns essenziell, da wir die Betroffenen in diesem Moment mit ihren Ergebnissen nicht allein lassen und gemeinsam Verständnis und Orientierung schaffen. Die meisten Menschen fühlen sich danach abgeholt und entlastet. Sie sind erleichtert, dass sie wissen, was der nächste Schritt sein kann.
Wie erleben Sie persönlich die Auswertungsgespräche mit den Betroffenen?
Jasmin Steiner: Die Personen, mit denen ich bisher ein Gespräch führen durfte, erlebte ich als sehr offen. Sie waren auch dankbar für die Möglichkeit, die eigene Belastung zu besprechen, einzuordnen und Orientierung zu bekommen.
Wie könnten die konkreten Schritte nach dem persönlichen Gespräch aussehen?
Jasmin Steiner: Das hängt von der festgestellten Belastung und der Symptomatik der Person ab. Es kann sowohl eine Psychotherapie sein als auch eine psychologische Beratung. Wie empfehlen auch Online-Angebote oder andere Anlaufstellen bei Bedarf, wie zum Beispiel eine Fachambulanz für ADHS. Am Ende entscheiden unsere Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, welche Empfehlung für die jeweilige Person sinnvoll ist.
Wie reagieren die Betroffenen, wenn sie als Empfehlung eine Psychotherapie erhalten?
Jasmin Steiner: Bisher waren alle Personen, denen ich eine Psychotherapie empfohlen habe, erleichtert und dankbar, dass ihre Belastung und der Schweregrad gesehen und ernst genommen wurden.
Was ist das Ziel des Mental Health Checks?
Jasmin Steiner: Es geht um eine frühzeitige Einschätzung der psychischen Belastung. Je länger es dauert, bis Betroffene sich Hilfe holen, desto grösser ist das Risiko, dass die Symptome chronisch werden und die Behandlung entsprechend länger dauert. Mit dem Mental Health Check kann man diesen ersten Schritt auf eine niederschwellige und diskrete Weise gehen. Denn leider ist es in unserer leistungsorientierten Gesellschaft häufig noch mit Scham besetzt, sich psychologische Hilfe zu holen. Dabei ist es ein Zeichen von Stärke, sich Hilfe zu holen und aktiv für die eigene mentale Gesundheit einzustehen.
Was möchten Sie unseren Versicherten noch mitgeben?
Jasmin Steiner: Ich freue mich über und für jede Person, die den ersten Schritt in Richtung psychische Gesundheit geht und bereit ist, sich mit sich selbst und den eigenen Belastungen auseinanderzusetzen. Das erfordert oft Mut und ist mit Anstrengung verbunden, wird jedoch belohnt mit Weiterentwicklung, Selbstwirksamkeit und langfristiger Gesundheit. Deshalb kann ich nur jeden und jede dazu ermutigen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und mit Unterstützung diesen Weg zu gehen.
Zur Person: Jasmin Steiner